Märchen für Erwachsene

Von Uta Biestmann-Kotte, zitiert aus der NOZ vom August 2009

Osnabrück.

Wenn eine einfache Bäckersfrau mit Kopftuch und Schürze im Wald auf die flüchtende Ballschönheit Aschenputtel trifft, dann will sie ihr natürlich nur den goldenen Schuh abluchsen: „Ich brauche den Schuh für mein Kind.“ – „Das macht keinen Sinn.“ – „Vor einem Prinzen weglaufen auch nicht.“

Diese Szene à la „Shrek“ ist nur eine von vielen ironischen Begegnungen. Unter dem eingängigen Gesangsmotto „Ab in den Wald!“ tut sich so einiges im finsteren Unterholz des Stückes „Into the Woods“, das die German Musical Academy derzeit im emma-theater zeigt. Zum Beispiel treiben böse Riesen ihr Unwesen. Aber wie die Erzählerin (Jasmin Göttmann) leicht resigniert feststellt: „Märchen sind ziemlich fantastische Erzählungen. Und am Ende wird sowieso immer alles gut.“ Unter diesen Voraussetzungen läuft also Stephen Sondheims 1987 uraufgeführtes Musical.

Unter der Regie von Sascha Wienhausen entführen pro Vorstellung 19 stimmstarke Schülerinnen und Schüler der Abschlussklasse der Musicalschule das Publikum in eine Zeit, in der das Wünschen noch geholfen hat.

Bekannte wie putzige Prototypen deutscher und englischer Märchentradition suchen in Ballrobe oder Lederwams ihr Glück und stolpern dennoch ins Verderben. Neben dem unterdrückten Aschenputtel (Nicole Behnke) und dem armen, einfältigen Hans (Jörn Ortmann) mit Kuh und Bohnenstängel ist da vor allem ein braves Bäckerehepaar, das unter seiner Kinderlosigkeit leidet. Helfen können da genretypisch nur „die Kuh so weiß wie Milch, ein Mäntelchen so rot wie Blut, das Haar so gelb wie Korn und der goldene Schuh“. Also geht es auf Geheiß der bösen Hexe (herrlich gemein: Esther Lach) „ab in den Wald“, wo die Turbulenzen und Verwicklungen ihren Lauf nehmen.

Sebastian Sohn und Jessica Krüger geben hier gesanglich wie darstellerisch überzeugend das anrührende Ehepaar zwischen Redlichkeit und Verlogenheit. Vor einer herbstlichen Waldkulisse müssen sich die beiden mit den neurotischen Märchenfiguren herumschlagen.

Um das vordergründige Happy End im ersten Akt und die darauffolgenden Katastrophen im zweiten Akt konnte es indes nicht allein gehen. Das lolitahafte Rotkäppchen (Melina Genzmer), der unselbstständige Hans oder das hysterische Rokoko-Püppchen Rapunzel (Janina Keppel) – sie standen für die eigentlichen Märchenmotive nach den symbolisch-psychologischen Auslegungen C. G. Jungs und Bruno Bettelheims: Selbstverantwortung, Erwachsenwerden und erwachende Sexualität.

Unterstrichen von Sonheims eingängigen Melodien, klassischen Harmonien und nicht immer kitschfreien Liedern ergab das unter der musikalischen Leitung von Martin Wessels-Behrens eine neue, „erwachsene“ Sicht auf vertraut scheinende Märchen. Oder wie es die Bäckersfau nach ihrem One-Night-Stand mit Aschenputtels Prinzen ausdrückte: „Zu viel Wald tut nicht gut.“