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Musicals, Casting-Shows und mediale Talentsuchen boomen seit Jahren, und die Zahl der jungen Leute, die mit großer Leidenschaft und Leidensbereitschaft den Weg auf die Bühne und ins Rampenlicht suchen, scheint unaufhörlich zu wachsen. Angesichts dessen, was den mehr oder weniger talentierten Nachwuchsmusikern, Tänzern und Darstellern aber oftmals als vermeintliches Qualifizierungs- und Auswahlverfahren zugemutet wird, stellt sich die Frage, ob es nicht auch anders geht: Wie und wo können sich junge Menschen auf seriöse, professionelle Weise wirklich fachspezifisch ausbilden lassen? Muss der Weg auf die Musical- oder Showbühne tatsächlich durch voyeuristische und teilweise erniedrigende TV-Formate mit Sprücheklopfer-Coaching geebnet werden?
Seit inzwischen sechs Jahren kann diese Frage entschieden verneint werden. Niemand muss Bohlen, Detlef D. und Co. überstehen, um es auf die Show- oder Musicalbühne zu schaffen, seit 2003 die German Musical Academy ins Leben gerufen wurde. Die Ausrichtung der Berufsfachschule ist eindeutig: Man will den Studenten dort alles vermitteln, was sie können und wissen müssen, um als professionelle Musicaldarsteller zu arbeiten. Und die Anforderungen sind so hoch wie die Arbeitsbereiche vielfältig sind. Musicaldarsteller kommen nicht nur auf den Bühnen großer Musicals zum Einsatz, sondern sie arbeiten auch als Studiosänger, Synchronsprecher, Soap-Darsteller, Musicalpädagoge, Show- und Videoclip-Dancer oder sogar Pop- und Rocksänger.
Um dieser Vielfalt an potenziellen Aufgaben gewachsen zu sein, müssen Musicaldarsteller also eine anspruchsvolle und hochprofessionelle Allroundausbildung absolvieren – genau diese Universalausbildung ist das Ziel der German Musical Academy. In einem dreijährigen Vollzeitstudium mit ca. 30 Wochenstunden lehren derzeit etwa 20 Dozenten eine enorme Bandbreite an Fächern. Die Fachbereiche Gesang, Schauspiel (Methodik, Improvisation, Sprecherziehung, Cold Acting) und Tanz in den Kategorien Ballett, Jazz Dance, Modern Dance und Stepptanz bilden den Kern der Ausbildung und sind durchgängig dreijährig. Ergänzt wird die Stundentafel durch die weiteren Pflichtfächer Musiktheorie, Liedinterpretation, Chor, Korrepetition, Musical Ensemble, Fechten, Maske, Pilates, Bewerbungstraining und das so genannte „Prima Vista“, das Singen vom Blatt. Außerdem erweitert ein reiches Angebot an offenen Klassen und Workshops das Fächerangebot, so dass die Studenten je nach persönlichem Interesse auch Spitzentanz, Hip Hop und Camera Acting erlernen oder beispielsweise gezielt auf Fotoshootings vorbereitet werden. Bei der Auswahl der Dozenten legt die GMA hohe Maßstäbe an: Alle Lehrenden verfügen über eine langjährige Bühnenerfahrung an den wichtigsten Bühnen des deutschsprachigen Raumes. Sie bringen ihr Wissen, ihr Können und ihre Begeisterung aus großen Musicalproduktionen, bedeutenden Schauspielhäusern und international renommierten Tanzkompanien mit. Viele der Dozenten haben auch an TV-Produktionen mitgewirkt, für Tonstudios gearbeitet oder an Filmfestivals teilgenommen. Besonders wichtig ist es den Leitern der GMA aber auch, dass den Studierenden ein möglichst fließender Übergang von der Ausbildung zum Engagement auf der Bühne ermöglicht wird. Daher wird in jedem Jahr ein großes Musical unter professionellen Bedingungen produziert, das die Funktion einer Generalprobe vor dem Sprung ins „echte“ Berufsleben hat. Die Verknüpfung von Ausbildung und professioneller Anwendung des Gelernten gelingt zudem auf dem Weg einer Kooperation mit den Städtischen Bühnen Osnabrück. Das Theater und die GMA haben ein Nachwuchsstudio initiiert, in dem die Studenten in professionelle Produktionen übernommen werden. So steht eine große Zahl der momentan etwa 60 Studenten regelmäßig in Aufführungen von u. a. der „West Side Story“, „Crazy for you“, „Geist“, „Der fliegende Holländer“, „Faust“ oder der Operette „La Perichole“ auf der Bühne. Den Anspruch der GMA, ihr Ausbildungskonzept und die Unterrichtsphilosophie fassen die beiden „Macher“ der Fachschule, Professor Sascha Wienhausen und Martin Wessels-Behrens, in einem Satz zusammen: „Wir wollen die Individualität des einzelnen Studenten fördern und ihm Vielseitigkeit und Professionalität bis hin zur Bühnenreife vermitteln.“ Wie erfolgreich das Konzept aufgeht und wie sich die German Musical Academy in den sechs Jahren ihres Bestehens etabliert hat, darüber haben wir uns mit Sascha Wienhausen in den Räumen der GMA unterhalten.
Schlossallee: Zur Entstehung der GMA – wer hatte wann die Idee, und wie lange hat es gedauert, bis aus der Idee die anerkannte Berufsfachschule wurde?
Wienhausen: Das ist eigentlich keine so schöne Geschichte. Um es kurz zu machen: Ich hatte 2001 von einer privaten Musical-Fachschule hier in Osnabrück das Angebot bekommen, als Schulleiter das Institut zu führen. Weil ich mir eine solche Chance nicht entgehen lassen wollte, habe ich angenommen und sehr viel Energie und Engagement investiert. Leider war das ganze Unternehmen alles andere als solide finanziert. Schnell zeigte sich, dass die Insolvenz unvermeidbar sein würde. Praktisch die gesamte Schülerschaft und viele Dozenten haben mich daraufhin gebeten, die Schule in Eigenregie zu übernehmen und weiterzuführen. Im Jahr 2003 kam es dann, nach vielen Querelen, zum Neustart. Weil ich auch für die Vorgängerschule eigentlich alle offiziellen Wege gegangen war und sehr gute Kontakte zu den zuständigen Behörden hatte, wurde uns sofort die staatliche Anerkennung in Aussicht gestellt, wenn wir dafür sorgen würden, dass alle Schüler ihre Ausbildung ordnungsgemäß fortführen können. So haben wir das dann auch hinbekommen, ich als Schulleiter und mein Kollege Martin Wessels als Konrektor und musikalischer Leiter. Alle Schüler und fast das gesamte Kollegium der Vorgängerschule sind mit an die GMA gewechselt.
Schlossallee: Wie finanziert sich die GMA?
Wienhausen: Hauptsächlich durch die Studiengebühren. Allerdings sind die für die Schüler auch dadurch tragbar, dass sie BAföG beantragen können. Und weil das das so genannte „Schüler-BAföG“ ist, müssen sie es auch nicht zurückzahlen. Ein wichtiges Finanzierungsinstrument der GMA sind natürlich auch unsere Events! Man kann uns nämlich buchen, zum Beispiel für Produktpräsentationen, für große Meetings oder Feiern zu Firmenjubiläen. Vom Catering über die Musik bis hin zu Shows und Tanzeinlagen machen wir alles. Ich glaube, wir sind schon in jedem Autohaus der Region aufgetreten, und von März bis Oktober ist unser Eventbereich praktisch immer ausgebucht.
Schlossallee: Gibt es anderenorts in Deutschland vergleichbare Institute? Wo sonst kann man den staatlich anerkannten Abschluss zum „Geprüften Musicaldarsteller“ erwerben?
Wienhausen: Da gibt es tatsächlich nur ganz wenig Möglichkeiten. In der Musical-Metropole Hamburg existieren drei Schulen, dann noch eine in München – und wir hier in Osnabrück! Natürlich kann man auch an einigen wenigen Universitäten das Fach Musical studieren, aber die Plätze sind äußerst rar und stehen nur Abiturienten offen. An der GMA kann man sich auch mit einem Realschulabschluss bewerben.
Schlossallee: Seit wann gibt es denn den „offiziellen“ Beruf des Musicaldarstellers?
Wienhausen: Ich denke seit etwa 20 Jahren. Inzwischen gibt es sogar eine staatliche Agentur für Musicaldarsteller – das ist praktisch das Arbeitsamt, bei dem man vorsingt. Bewerber werden also direkt an die Produktionen und Theater vermittelt, die gerade Darsteller suchen. Eigentlich müssen die Darsteller nach Berlin oder Hamburg fahren, um sich vor der Agentur zu präsentieren, doch inzwischen kommt sie zu uns ins Haus, um unsere Schüler und Absolventen kennen zu lernen. Das freut uns sehr, weil es wirklich zeigt, wie gut der Ruf der GMA ist und wie viel Anerkennung wir bereits finden.
Schlossallee: Wie viele Bewerbungen erhalten Sie pro Jahr und wie viele Schüler und Schülerinnen werden angenommen?
Wienhausen: Wir nehmen halbjährlich neue Schüler auf, und pro Semester bewerben sich etwa 100 junge Leute, von denen jeweils ungefähr zehn aufgenommen werden.
Schlossallee: Wie groß ist das Einzugsgebiet der GMA? Kommen auch Bewerber aus dem Ausland zu Ihnen?
Wienhausen: Die GMA ist alles andere als regional, derzeit haben wir gar keinen Schüler aus Osnabrück selbst. Es kommen Bewerber aus dem gesamten deutschsprachigen Raum zu uns, außerdem natürlich auch Schüler aus den Niederlanden. Momentan studieren sogar zwei Koreanerinnen an der GMA!
Schlossallee: Es gibt Zwischenprüfungen, die über die Fortsetzung des Studium entscheiden. Wie hoch ist der Prozentsatz derjenigen, die die Ausbildung abschließen können?
Wienhausen: Die Quote ist sehr hoch, weil wir gleich bei der Aufnahme sehr genau hinsehen und lieber weniger Schüler zulassen, als später rigoros auszusortieren. An manchen Schulen ist es üblich, dass nach einem Jahr die Schülerzahl halbiert wird. Das ist ein Teil des Finanzierungskonzeptes, denn je weiter die Ausbildung voranschreitet, desto mehr kostenintensiver Einzelunterricht steht auf dem Plan. Die große Gruppe der Erstsemester finanziert dort also die fortgeschrittenen Studenten. Wir wollen das nicht, unser Weg ist es, von vornherein nur diejenigen zuzulassen, die das Talent haben, die Ausbildung gut zu schaffen und sich individuell optimal weiterzuentwickeln. Ich denke, dass fast 95% unserer Schüler den Abschluss schaffen.
Schlossallee: Was halten Sie eigentlich von Castingshows, und was raten Sie Ihren Schülern, wenn diese sich dort bewerben wollen?
Wienhausen: Ich bin ein Mann des Theaters, und deshalb halte ich gar nichts von diesen Shows. Theaterleute und wirklich begabte Sänger und Darsteller haben doch diesen inneren Drang, etwas Individuelles und Kreatives zu leisten, sie wollen sich verwirklichen und stellen ihre eigene Persönlichkeit in den Vordergrund. Die Macher von TV-Castings wollen da was ganz anderes: Gesucht sind diejenigen, die am besten imitieren können, die sich verbiegen und formen lassen. Talent ist dabei zweitrangig, gesucht werden manipulierbare Projektionsflächen, die telegen sind. Noch schlimmer ist es, wenn junge Menschen ganz offensichtlich der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Das ist erniedrigend und hat nichts mit Kunst oder guter Show zu tun! Natürlich gibt es immer mal wieder Schüler, die es trotzdem versuchen wollen, ich rate davon aber ab. Eine unserer Absolventinnen hat kürzlich am „Mission Hollywood“-Casting teilgenommen, es aber anschließend bereut.
Schlossallee: Bewerben sich mehr Mädchen und Frauen oder mehr Jungen und Männer?
Schlossallee: Und welche Berufsperspektiven haben Ihre Absolventen? Dürfen sie damit rechnen, ihren Lebensunterhalt auf der Bühne verdienen zu können?
Wienhausen: Die Chancen stehen wirklich sehr gut, besonders für die männlichen Absolventen, die im Prinzip alle sofort ein Engagement bekommen. Bei den Frauen sind es sicher auch mindestens 80 %, die gleich im Anschluss an die Ausbildung ein Jobangebot erhalten. Was der oder die Einzelne dann daraus macht, ist natürlich individuell verschieden! Engagements sind nun einmal, gemessen am normalen Arbeitsleben, eher kurzfristige Verträge. Man muss natürlich sehr flexibel sein, und für große Rollen in Musicals ist 35 schon eine recht klare Altersobergrenze.
Schlossallee: Genügt die Ausbildung zum „Geprüften Musicaldarsteller“ einem jungen Menschen als Qualifikation fürs Leben, oder empfehlen Sie allen eine weitere „bodenständigere“ Ausbildung bzw. ein Studium?
Wienhausen: Ich plädiere immer für lebenslanges Lernen! Die Karrieren im Gesangsbereich sind naturgemäß kurz – auch ein Opernsänger hat im Schnitt nur eine siebenjährige Karriere. Da muss man auf jeden Fall schauen, in welchem verwandten Bereich man noch tätig sein kann und will. Viele Schüler der GMA engagieren sich daher schon während der Ausbildung zum Beispiel als Regisseure oder pädagogische Leiter bei Laienproduktionen oder Schulprojekten.
Schlossallee: Welches Renommee genießt die GMA in Fachkreisen: Schätzen Musical-Produktionen Ihre Absolventen? Gibt es feste Kooperationen?
Wienhausen: Die GMA hat einen wirklich guten Ruf, darauf sind wir sehr stolz, und das kommt auch unseren Schülern und Absolventen zugute. Die vorhin erwähnte Zentrale Arbeitsvermittlung etwa hat durchblicken lassen, dass sie die GMA für eine der besten Privatschulen des Landes hält. Ganz unmittelbar zeigt sich das hervorragende Renommee auch daran, dass große Produktionen von sich aus den Kontakt und die Kooperation suchen. Im nächsten Jahr etwa bieten die „Starlight Express“-Macher an der GMA kostenlose Rollschuhkurse an, um Nachwuchs für ihre Produktion zu fördern. Und die „Hairspray“-Veranstalter haben unsere komplette Schule zur Premiere eingeladen. Feste Kooperationen gibt es unter anderem mit der Freilichtbühne Tecklenburg. Dort waren in dieser Spielzeit alle Rollen der Kinder-Musical mit unseren Schülern besetzt, und auch in den großen Produktionen haben einige GMA-Darsteller mitgewirkt. Auch im Theater Bielefeld stehen regelmäßig unsere Schüler auf der Bühne, und die Kooperation mit den Städtischen Bühnen Osnabrück ist natürlich auch sehr fruchtbar.
Schlossallee: Hat die GMA denn auch schon „echte Stars“ hervorgebracht?
Wienhausen: Ja, auf jeden Fall. Max Messler spielt im schweizerischen Thun die Hauptrolle in „Jesus Christ Superstar“, Stefanie Bettich wurde für die zweite weibliche Hauptrolle von „Dirty Dancing“ in Berlin engagiert und Florian Theiler steht in Wien beim „Tanz der Vampire“ auf der Bühne. Ach ja, und bei „Mama Mia“ sind auch zwei Hauptrollen mit GMA-Absolventen besetzt.
Schlossallee: Sind Sie mit der GMA also schon dort, wo Sie hin wollten, oder geht die Entwicklung weiter?
Wienhausen: Die Entwicklung muss und wird natürlich immer weiter gehen! Wachsen wollen wir, was die Schülerzahlen angeht, aber eigentlich nicht mehr. Wichtiger ist es uns, die Ausbildung noch stärker zu individualisieren und sie gleichzeitig noch zielgenauer auf die Bedürfnisse des Marktes auszurichten. Außerdem wollen wir bezüglich der Dozenten die Internationalität ausbauen. Die bessere und intensivere Vernetzung mit Hochschulen und Theatern ist ein weiteres Anliegen. Mit der FH hier in Osnabrück geht die Entwicklung in eine erfreuliche Richtung – ich bin dort inzwischen Professor und habe daher sehr gute Gestaltungsmöglichkeiten!
Professor Sascha Wienhausen (links im Bild) ist Rektor, Künstlerischer Leiter und Dozent für Gesang und Audition Class an der GMA. Er ist sowohl Diplom-Musikpädagoge als auch Diplom-Sänger, Preisträger renommierter Musikwettbewerbe und hat seit 1991 in zahlreichen Engagements auf großen Bühnen von Nürnberg über Bologna bis Wien gestanden. Als Regisseur und Pädagoge war und ist er seit 1988 an verschiedenen Musikschulen und Hochschulen tätig, seit 2003 überwiegend in Osnabrück, wo er vor allem an Produktionen der Städtischen Bühnen und des emma-theaters mitgewirkt hat. In den Jahren 2009 und 2010 wurde er als Gastprofessor an die Hochschule für Musik und darstellende Kunst Wien berufen. Seit 2009 ist er Professor am Institut für Musik der Fachhochschule Osnabrück.
Martin Wessels-Behrens ist Konrektor und Musikalischer Leiter der GMA sowie Dozent für Korrepetition, Musiktheorie und Gehörbildung. Er ist staatlich geprüfter Musikschullehrer und hat den Studiengang der Künstlerischen Reifeprüfung im Hauptfach Klavier bei Michael Keller absolviert. Er war und ist für die musikalische Leitung und das Arrangement zahlreicher Musical-Produktionen wie z. B. „City of Angels“ und „Into the Woods“ verantwortlich.